Menschen: Anne-Marie Slaughter kehrte aus Washington heim um für ihren Teenagersohn da zu sein.

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Anne-Marie Slaughter hat rotzige Teenager zu Hause.

Und genau das war der Grund warum Anne-Marie Slaughter ihren super erfolgreichen und mit Sicherheit einen der Höhepunkte ihrer Karriere darstellenden Job „Director of Policy Planning“ im Team der damaligen Außenministerin Hillary Clinton nach zwei Jahren aufgab.

Frisörtermine nur am Wochenende und dass sie während ihrer Zeit in Washington praktisch nie in einem Laden war, der normale Öffnungszeiten hat, hätte die Princeton-Professorin sicher gerne in Kauf genommen.
Aber als ihr älterer Sohn richtige Teenagerallüren an den Tag zu legen begann, inklusive Schweigeperioden gegenüber Eltern und ernste Anrufe aus der Schule, hat Slaughter etwas getan, was in Zeiten von Sandbergs „Lean in“ eher nicht so oft vorkommt: Sie hat sich für die Familie entschieden.

Damit ist natürlich keineswegs gemeint, dass Slaughter nun zu Hause versuchte ein Selbstversorgerleben zu führen. Sie ist zurück gegangen in ihre Princeton Professur, was einen mindestens 40h Stunden Job bedeutet. Sie veröffentlicht unzählige Artikel und hält weltweit Reden. Slaughter ist mit einem Akademiker verheiratet und für die Zeit in Washington hatten sich die beiden darüber geeinigt, dass Mum Anne-Marie von Montags bis Freitags sich dort eben über die internationalen Agenden Amerikas den Kopf zerbricht, während der Vater beruflich kürzer tritt, um für die Kinder da zu sein.

Mütter brauchen flexible Arbeitszeiten

Das Sympathische an Slaughter ist, dass sie sich durchaus ihrer extrem privilegierten Situation bewusst ist: „Ich war in Washington mit einer Arbeitssituation konfrontiert, die für die Mehrheit der Frauen bzw. Menschen Alltag ist. Ich hatte einen klassischen Bürojob, der sich nach den Regeln eines Bosses richtet.“ Und dabei war Hillary Clinton sehr human. Damit die Mitarbeiter wenigstens morgens und abends bei ihren Familien sein konnten, kam sie selbst in der Früh erst (!) um 8 Uhr und verließ das Büro um 19 Uhr. (Clinton selbst – und vermutlich ein Großteil ihrer Mitarbeiter arbeitete dann natürlich noch von zu Hause weiter.)
In ihren früheren beruflichen Situationen und auch danach konnte sich Slaughter die Zeit im Großen und Ganzen selbst einteilen. Hier liegt des Pudels Kern:
Sie konnte für ihre Kinder da sein, wenn sie gebraucht wurde. Und hatte dann in der Nacht die Möglichkeit die Zeit einzuarbeiten, die sie untertags am Spielplatz verbracht hat.

Aber Slaughter wäre eben nicht Slaughter, hätte sie das Erlebte nicht in dem Aufsehen erregenden Artikel im The Atlantic zum Besten gegeben: „Was mich am meisten bewegte, waren die Kommentare anderer Frauen, die meinten, dass sie es sehr wohl schafften, ihre hochgradige Karriere voranzutreiben UND glückliche Kinder zu haben. Darin lag dieser Unterton, dass ICH es wohl nicht hin kriege, dieses „you can have it all!“.“

Teenager erfordern Betreuungsintensität wie KleinSTkinder.

Meine Kinder sind auch keine Babys mehr. Und das große Kind ist im vergangenen Herbst von der Volksschule ins Gymnasium gewechselt. Ein Übertritt, dem ich mit Zweifel begegnete. Die Noten in der Volksschule waren nicht so brilliant, aber das Zeichentalent ist überbordend. Zumindest die Möglichkeit zu haben, dieses mit einem Studium professionell auszubauen, dafür wollten wir ihr mit dieser Schulwahl die Türen öffnen.
Das sieht das Kind selbst natürlich anders. Was in fast zehn Jahren passieren soll, kratzt sie gar nicht, dafür leidet sie umso mehr, weil die Freundinnen ein besseres Handy haben als sie selbst. Zeichentalent hin oder her.
Man kann sich vorstellen, dass es daher mit dem neuen Lernpensum auch nicht so war, dass das Kind in sich ging, die neue Situation begriff und artig am Schreibtisch saß und lernte. Für drei Fächer gleichzeitig.
Schreiduelle und durch die Gegend fliegende Dinge wie Radiergummis oder Türen waren an der Tagesordnung. Der erste Fünfer lies nicht lange auf sich warten.
Und dann habe ICH begriffen.

Dieses Kind braucht mich. Jetzt.

Ja, es gibt Kinder, die lernen selbständig. Und es gibt welche, die haben Eltern, die können sie gar nicht unterstützen, weil ihre eigene Schulbildung langsam nicht mehr ausreicht.
Mein Kind kann das nicht. Und es hat mich als Mutter. Ich habe eine akademische Ausbildung. Also das Unterstufenprogramm eines Gymnasiums sollte ich noch hinbekommen.
Da ist bei mir der Groschen gefallen.
Dieses Kind hat niemand anderen, der sich die Mühe macht, den Lernstoff zu erfassen, in kleine Häppchen aufzuteilen, sich täglich hinsetzt, sich zehntausendmal auf die Zunge beisst, die Nerven erst ganz spät verliert, kurz den ganz persönlichen Lerncoach macht. Dieses Kind wird es vermutlich lernen, wie das so funktioniert, aber jetzt braucht es ….MICH.
Natürlich hat dieses Kind einen Vater. Aber keine Ahnung, irgendwie geht es hier um sie und mich. (Hallo Anne-Marie!)
Nach der ganzen Volksschule und auch dem elternverwalteten Kindergarten, wo ich kochen, putzen und auch die Betreuerin im Krankheitsfall vertreten durfte, empfinde ich diese Situation als weit aus mehr beanspruchend als die letzten Jahre.
Ich empfinde mich als …naja, nicht unbedingt als Versagerin, aber naja, vielleicht doch genau als das, als Versagerin. Ich habe es nicht zu einem tollen Akademikerjob geschafft (von einer Karriere wie Slaughter sie vorgelegt hat, ganz zu schweigen). Aber ich habe es auch nicht geschafft, glückliche, erfolgreiche, selbständige Kinder groß zu ziehen. Ok, sie sind noch relativ jung, aber sie sollten doch den Sprung ins Gymnasium allein und hürdenlos schaffen, oder?

FRAUEN SIND SICH SELBST DER GRÖSSTE FEIND

Genau, hier setzt Slaughters Artikel an.
Ja. Männer können nach wie vor ungestört Firmen und Karrieren aufbauen UND Familien haben. Im Hintergrund managen ihre Frauen die Kinder. Ein Halbtagsjob als Volksschullehrerin ist noch im akzeptablen Rahmen. Zu ihren Familien befragt, äußern sich schon etwas in die Jahre gekommene Supermanager gerne mit einem „…ich vermute, ich war kein guter Vater…“ oder so ähnlich. Aber wer erwartet denn von einem mächtigen Mann, dass er sich darum kümmert, ob seine Kinder Probleme haben?
Nein, das Problem von Frauen liegt bei den Frauen selbst. SIE SELBST sind es, die von sich erwarten, dass sie Karriere machen UND glückliche erfolgreiche Kinder haben (und schlank und faltenfrei sind).
Ich habe das Leben als Mutter in der Stadt erlebt. Eine Miniminimini-Version von Slaughters Leben. Die Kinder sind in täglich in Betreuung, die Ansprüche an die Eltern je nach Qualität der Betreuungseinrichtung von nicht vorhanden bis ganz schön, wie  eben der Einsatz bei elternverwalteten Einrichtungen sein kann. Aber das sind ja eher die „Backend“-Arbeiten. Bei Hort-Kindern eines guten Hortes sind die Aufgaben am Abend gemacht.
Und die Kinder glücklich.

DAS Landkind muss nicht in den Hort.

Und ich kenne das Leben als Mutter am Land. Hortkinder sind hier eher nur von Müttern, die es wirklich nicht anders wuppen: Nicht die karrieregeile Managerin hat ihr Kind im Hort, sondern die Supermarktkassierin. (Achtung: starkes Stadt-Land-Gefälle!)
Insofern gibt es auch keine (ernst genommene) Mütterschaft, die geschlossen vor den Hort tritt, wenn dort Hausübungen eher als freiwilliges Freizeitangebot abgetan werden. Oder die Lernstunde nach 50 Minuten vorbei ist. Gleich ob die HÜ erledigt ist, oder nicht.
Die Frau am Land, die ihre Ausbildung und/oder Motivation nicht brach liegen lassen will, organisiert sich selbst, was mit ihren Kindern passiert. Das Gros der Landmütter ist „bewusst gerne beim Kind (halbtags) zu Hause“. Ihre Kinder haben beste Noten in den Zeugnissen, stets das richtig abgezählte Milchgeld zum richtigen Zeitpunkt dabei, die Hausübungen immer kontrolliert und auch das obligatorische Instrument wird täglich geübt und damit erfolgreich gespielt. Und natürlich passiert ihnen nie, was mir letztens passierte, nämlich dass das Kind den Zettel zur Schulimpfung verloren hat und ich es nicht geschafft habe, den neu zu organisieren und auch der von der Lehrerin nach Hause geschickten Aufforderung, diese Unterschrift nun wirklich zu bringen, nicht nachgekommen bin und das Kind schließlich und endlich nun ungeimpft ist. (Nicht mal jetzt weiß ich um welche Impfung es sich eigentlich handelt.)
Ich bin selbstverständlich der Meinung, dass es Bücher wie „Lean in“ braucht. Denn angeblich gab es danach eine ganze Welle von Frauen, die an der gläsernen Decke gekratzt und gleich mal, ob Durchbruch oder nicht, eine bessere Position und/oder eine Gehaltserhöhung verlangt haben.

Aber es braucht auch die Anne-Marie Slaughters dieser Welt. Denen die Welt offen stand. Und die dann trotzdem umdrehen. Weil die Welt eben nicht alles ist.
In meinen Augen ist DAS ein Zeugnis richtiger Größe.

Am Ende des Tages ist aber beides nichts. Im Vergleich zu der alleinerziehenden Mutter zweier Söhne, die ihre Hausübungen immer allein machen müssen, weil die Mutter zwei Jobs hat, damit es sich überhaupt irgendwie ausgeht, weil der Vater nicht auffindbar und damit auch nicht zu Unterhaltszahlungen verklagbar ist. Der ältere der beiden spart sich den Laptop, den seine Schulkollegen einfach mal so bekommen, selbst zusammen, weil einfach nicht genug Geld da ist – und der trotzdem jetzt gerade zum supergrauslichen Teenager mutiert. Seiner Mutter klopft derweil niemand auf die Schulter, wenn sie frühmorgens die Brote für den Bäcker aus dem nächsten Dorf ausführt und nicht den 40h-Stunden-Job in der Stadt annimmt.

Anne-Marie Slaughter hat zu dieser Thematik ein empfehlenswertes Buch geschrieben.
Auf deutsch hierim Original hier.

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